Botschaft des Europäischen Zentrums für Achtsamkeit (EZfA) in der neuen Ära der Infektionskrankheiten

 

Liebe Freund*innen und Kolleg*innen,

 

ich brauche niemanden daran zu erinnern, dass wir uns inmitten eines neuen Zeitgeistes befinden, durch den wir auf dramatische Weise zu der Erkenntnis gelangt sind, dass das Leben, so wie wir es kennen, durch Infektionskrankheiten schlagartig bedroht ist. Das ist natürlich nichts Neues. Wir sind seit jeher sterbliche Wesen, die mit Gebrechen und Alterung konfrontiert sind.

 

Das Coronavirus hat uns jedoch aufgeweckt, indem es auf sehr plötzliche, unerwartete Weise in unser Bewusstsein eingedrungen ist: Die technologischen Strategien, die wir zur Bewältigung der aktuellen Infektionskrankheit Covid-19 anwenden, sind neuartig und völlig experimentell; wir haben keine Gewissheit darüber, was diese Krankheit oder ihre Folgen für die Betroffenen von uns direkt oder für die bisher von der Krankheit verschonten Menschen indirekt bedeuten können; und wir alle sind auf unsere ganz eigene Weise herausgefordert, diese Umstände zu verstehen und zu verarbeiten, wie sie sich von Tag zu Tag entfalten. 

Es sollte auch offensichtlich sein, dass dieses erhöhte Gefühl der Unberechenbarkeit und weitgehend unkontrollierbaren Veränderung, die verstärkte Bedrohung durch Tod oder Gebrechen, uns mitten in einem wunderschönen Frühling erreicht, in dem die Vögel lauter und fröhlicher zu zwitschern scheinen als je zuvor und der Himmel blauer erscheint als sonst, in dem wir vielleicht die Freuden des Entschleunigens wiederentdeckt haben, in dem sich die Bedrohung durch Covid-19 weit weg oder übertrieben anfühlen mag (das ist sie tatsächlich nicht).

 

Für mich erscheint die Situation oft völlig surreal: Die unerwartete Gegenüberstellung von Krankheit und einem üppigen, schönen Frühling fügt gleichzeitige Geschmäcker von bitterer Abneigung und köstlichem Appetit hinzu. Aber ist dies nicht auch einfach ein sehr extremes Beispiel dafür, wie sich unser Leben im Allgemeinen dreht und wendet – die Höhen und Tiefen, die Gewinne und Verluste, die Freuden und die Trauer?

 

Dies ist nicht die Zeit für Predigten. Es liegt an jedem von uns zu wissen, wie und in welchem Maße unsere individuellen Wege und Praktiken der Achtsamkeit uns in dieser herausfordernden Zeit unterstützen können.  Es gibt kein einziges Rezept, keine richtige oder falsche Erfahrung, kein Allheilmittel, auf das wir uns verlassen können.


Wenn es eine Sache gibt, die ich aus meiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit buddhistischer Psychologie und während meiner Versuche, eine Haltung des wohlwollenden Gewahrseins gegenüber den Launen der sich ständig verändernden Lebensbedingungen zu kultivieren, gelernt habe, dann ist es der Respekt vor denen, die mit einem Gefühl der Zärtlichkeit und des Nichtwissens völlig offen für Erfahrungen bleiben können.


Bisher scheint die Politik, überraschenderweise, sowohl echte Sorge um das Wohlergehen der physisch schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft als auch einen neuen Respekt vor der Weisheit des Nichtwissens zu zeigen. Vielleicht kann ein Handeln, das auf solch bescheidenen Ansichten beruht und sich verbreitet, hilfreich in der Welt in einem umfassenderen Sinne sein.


H
erzliche Grüße und beste Wünsche an Sie alle. Bitte bleiben Sie so gesund wie möglich in Körper, Seele und Geist.

 

Paul Grossman